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Forschungsergebnisse FeKoM-Studien

An dieser Stelle stehen die verschiedenen Forschungsergebnisse der einzelnen Teilstudien, die wir im FeKoM-Projekt durchgeführt haben, als Wissensressource zur Verfügung.

Die auf diesen Ergebnissen aufbauenden Handreichungen, Checklisten und Lehrmaterialien finden Sie im Best Practice Reiter.

Leitfadeninterviews

In unserer ersten Teilstudie haben wir 30 Leitfadeninterviews mit quantitativ forschenden Kommunikationswissenschaftler*innen unterschiedlicher Qualifikationsstufen durchgeführt. Zusätzlich wurden 18 Leitfadeninterviews mit Expert*innen aus den Bereichen Drittmittelgeber, Fachgutachter*in, Journal-Editor/Journal-Redaktion, Ethikkommission, Didaktiker*innen gehalten. Die Interviews wurden bis zum jetzigen Zeitpunkt (Stand 05.02.24) aus der Perspektive unterschiedlicher Themenaspekte ausgewertet:

Ethikkommissionen

Die Forschenden sehen Chancen etwa in der Anregung zur Selbstreflexion, die Ethikkommissionen leisten und in der Standardisierung praktischer Abläufe. Als Herausforderungen werden z. B. die Erwartungen der Kommissionen und der zeitliche Rahmen der Begutachtung genannt, die einige Interviewte als zu einschränkend empfinden. Zudem wird deutlich, dass die forschungsethische Begutachtung durch Ethikkommissionen im Fachbereich noch nicht durchgängig als Standard etabliert ist. Aus Sicht vieler Interviewten wird dies allerdings auch nicht als ein notwendiger Bedarf eingeschätzt, sondern sie sehen diesen Bedarf eher situationsbedingt, wenn z. B. das Studiendesign es notwendig macht. Gleichzeitig wird eine flächendeckende Institutionalisierung von Ethikkommissionen grundsätzlich als fachpolitisches Signal begrüßt.

Quelle: Schlütz, D., Zillich, A. F., & Roehse, E.-M. (2023). Ethikkommissionen in der Kommunikations- und Medienwissenschaft: Qualitätssicherung oder „Forschungsverhinderungsanstalt“? Hochschulmanagement, 18(1), 31–37.

Automatisierte Analyse digitaler Datenspuren

Die Ergebnisse zeigen, dass die Interviewten die automatisierte Analyse von Kommunikation als einen Fortschritt der Wissenschaft grundsätzlich begrüßen, um empirische Muster in aggregierten digitalen Datenspuren zu erkennen und so ein umfassenderes Bild kommunikativen Verhaltens abbilden zu können. Herausforderungen sehen die Teilnehmenden vor allem in der Anonymisierung der automatisch erhobenen Daten, in der Frage, ob und unter welchen Umständen eine informierte Einwilligung angenommen werden kann und im Umgang mit sensiblen Daten wie Klarnamen oder sexuellen Präferenzen. Zudem verdeutlichen die Befunde, dass die interviewten Forschenden erste lösungsorientierte Strategien entwickelt haben, um diesen Herausforderungen zu begegnen, die allerdings meist auf ihrer Forschungspraxis und weniger auf systematischen Informationen basieren.

Quelle: Zillich, A. F., Roehse, E.-M., Link, E., Möhring, W., & Schlütz, D. (2023). Forschungsethische Herausforderungen der automatisierten Analyse von digitalen Datenspuren. Vortrag auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), Bremen, 19.05.2023. Die Vortragsfolien können hier heruntergeladen werden.

Internet Research Ethics

In den Interviews zeigen sich wahrgenommene ethische Herausforderungen und Lösungsvorschläge. Dabei konnten zwei Hauptthemen identifiziert werden: Zum einen die Abwägung von Privatsphäre und informierter Einwilligung und zum anderen die Vermeidung von Schaden durch die Forschung. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass Forschende kasuistische Strategien entwickelt haben, um den verschiedenen ethischen Herausforderungen bei der Untersuchung des Internets zu begegnen. Diese Strategien beruhen häufig auf praktischen Forschungserfahrungen und nicht auf Inhalten aus der Ausbildung oder verfügbaren Informationen. Dies verdeutlicht, wie wichtig es ist, einen kontinuierlichen Diskurs zu führen, Forschungsethik in die Ausbildung an den Hochschulen zu integrieren und praktische Empfehlungen zu geben.

Quelle: Zillich, A. F., Schlütz, D., Roehse, E.-M., Link, E., & Möhring, W. (2023). Practicing Internet research ethics: challenges and solutions from a German perspective. Comunicazioni Sociali, 2, 191-202, https://doi.org/10.26350/001200_000185

Abwägungsprozesse in der Umfrageforschung

Anhand der Interviews ließen sich fünf Themenfelder identifizieren, die im Kontext standardisierter Befragungen als forschungsethisch besonders herausfordernd wahrgenommen wurden: Formulierung des Fragebogens, Verwendung von Stimulusmaterial, Täuschung in Experimentaldesigns, Freiwilligkeit und Anonymität in Befragungen sowie die Befragung von vulnerablen Zielgruppen. Die von den Interviewten geschilderten ethisch-methodischen Einzelfallentscheidungen zeigen, dass sie bei standardisierten Befragungen methodische und ethischen Anforderungen in weiten Teilen gut miteinander in Einklang bringen können. Dies spricht für eine große Professionalität der befragten Forscher*innen und vor allem für deren umfassende praktische Erfahrung. Gleichzeitig werden Herausforderungen im Rahmen der Abwägungsprozesse im jeweiligen Einzelfall sowie grundsätzliche Bedenken hinsichtlich des Stellenwertes von Forschungsethik deutlich. Insgesamt zeigt sich auch hier der Bedarf für leicht zugängliche praktische Informationen.

Quelle: Zillich, A. F., Schlütz, D., Roehse, E.-M., Möhring, W., & Link, E. (under review). Die „Gretchenfrage“ der Empirie: Ethisch-methodische Abwägungsprozesse in der Umfrageforschung. Publizistik, 69(4).

Online-Umfrage

Als weitere Teilstudie wurde eine quantitative Online-Umfrage mit empirisch forschenden Wissenschaftler*innen in der Kommunikations- und Medienwissenschaft (N=186) durchgeführt.

Insgesamt zeigen die Ergebnisse der Online-Umfrage, dass die Befragten Forschungsethik eine Bedeutung beimessen und es herrschte Einigkeit darüber, dass die Bedeutung in Zukunft aus verschiedenen Gründen zunehmen wird. Es wurde jedoch auch deutlich, dass Forschungsethik ein kontroverses Thema ist: Sie gilt als anspruchsvoll und anstrengend, gleichzeitig aber auch als Qualitätskriterium wissenschaftlicher Forschung. Forschungsethische Entscheidungen wurden im Arbeitsalltag der Befragten in verschiedenen Kontexten getroffen. Sie spielten vor allem im Bereich des Datenschutzes eine Rolle, der als ein in sich eigenständiges Themengebiet neben Forschungsethik einzuordnen ist. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass rechtliche und forschungsethische Fragen in der Wahrnehmung der Forschenden miteinander verwoben sind. Die Praxis, in der forschungsethische Entscheidungen getroffen werden, wurde vor allem als ein Prozess der Kooperation und Eigeninitiative charakterisiert: nach Lösungen wurde gemeinsam mit Kolleg*innen, aber auch alleine gesucht. So wünschten sich die Teilnehmenden z. B. weiterführende forschungsethische Materialien zur Unterstützung ihrer täglichen Arbeit. Insgesamt unterstreichen die Ergebnisse, wie wichtig es ist, den Diskurs über Forschungsethik in der Kommunikations- und Medienwissenschaft aufrechtzuerhalten, weiterzuentwickeln und zu vertiefen.

Quelle: Roehse, E.-M., Möhring, W., Zillich, A. F., Schlütz, D. & Link, E. (2023). Forschungsethische Praxis in der Kommunikations- und Medienwissenschaft – ein Einblick in die Sicht der Forschenden. Publizistik, 68(4), 459-489. https://doi.org/10.1007/s11616-023-00820-9

Gruppendiskussionen

Zudem wurden drei Gruppendiskussionen mit jeweils sechs bis sieben Bürger*innen durchgeführt und auf Video aufgezeichnet. Die Auswertung zeigt, dass die teilnehmenden Bürger*innen spezifische Erwartungen an vertrauenswürdige Forschende und gute wissenschaftliche Praxis haben, auf deren Basis sich zentrale handlungsleitende Prinzipien für forschungsethische Entscheidungen ableiten lassen. Die Teilnehmenden assoziierten unter dem Begriff der wissenschaftlichen Forschung insbesondere bestimmte Themenfelder (v. a. Medizin, Gesundheit, Technik) und unterschieden dabei zwischen Industrieforschung (Praxis) und universitärer Forschung (Theorie). Zudem verbanden sie mit wissenschaftlicher Forschung, dass bestimmte (Hypo-)Thesen bestätigt werden sollen und die Forschung daher von Vornherein in eine bestimmte Richtung gelenkt wird. Als zentrale Eigenschaften vertrauenswürdiger Forschender wurden Kompetenz und Professionalität genannt; gerechtes Handeln wurde hingehen als weniger relevant für die Vertrauenswürdigkeit beurteilt.

Quelle: Roehse, E.-M., Möhring, W., Zillich, A. F., Schlütz, D., & Link, E. (2023). Forschungsethisches Handeln und Vertrauen in die Wissenschaft? Gruppendiskussionen mit wissenschaftlichen Laien. Vortrag auf der Jahrestagung der Fachgruppe Journalistik/Journalismusforschung und Fachgruppe Wissenschaftskommunikation der DGPuK, Passau, 21.09.2023. Die Vortragsfolien können hier heruntergeladen werden.

Vorstudie zur experimentellen Befragung – Eine Eye-Tracking-Studie

Als Vorstudie für die geplante experimentelle Befragung wurde die Eye-Tracking-Studie „Consenting Without Being Informed: Testing Approaches to Improve Consent Procedures in Online Surveys“ in Zusammenarbeit mit EYEVIDO durchgeführt. In der experimentellen Vorstudie wurde untersucht, ob und wie Teilnehmende die Studien- und Datenschutzinformationen am Anfang einer wissenschaftlichen Online-Umfrage lesen bzw. bewerten und inwieweit die Art der Präsentation der Informationen sowohl das Informations- als auch das Einwilligungsverhalten zu einer Online-Umfrage beeinflusst. Die Ergebnisse zeigen, dass die Präsentationsform der Studien- und Datenschutzinformationen keinen Einfluss auf die Wahrnehmung, Bewertung oder das Zustimmungsverhalten der Teilnehmenden hat. Zudem wird deutlich, dass eine Akkordeon-Variante eine gute Möglichkeit für Online-Umfragen bietet, Informationen in komprimierter Form zu präsentieren und dabei rechtlichen und forschungsethischen Anforderungen gerecht zu werden.

Quelle: Zillich, A. F., Link, E., Csonka, E., Schlütz, D., & Möhring, W. (2022). Consenting without being informed: Testing approaches to improve consent procedures in online surveys. Vortrag auf der Jahrestagung der International Communication Association (ICA), Paris, Frankreich, 28.05.2022.

Das Vorgehen und die Ergebnisse der Studie stellen wir hier zusammengefasst als Poster mit einem dazugehörigen Erklärvideo zur Verfügung, welches im Rahmen der 72. Jahreskonferenz der International Communication Association (ICA) präsentiert wurde.

Online-Experimente

In unserer letzten Teilstudie haben wir drei Online-Experimente (NExp1 = 1.321, NExp2 = 991, NExp3 = 990) mit Bürger*innen durchgeführt. Sie bauen neben der Eye-Tracking-Studie auch auf den Ergebnissen der Gruppendiskussionen auf und untersuchen systematisch die Wirkung unterschiedlicher forschungsethischer Aspekte auf die Glaubwürdigkeit und Reputation von empirischer Wissenschaft. Die Ergebnisse verdeutlichen unter anderem, dass es keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich der wahrgenommenen Informiertheit oder des Verständnisses im Vergleich der verschiedenen Formen der visuellen Darstellung gibt.

Quelle: Zillich, A. F., Link, E., Roehse, E.-M., Schlütz, D., & Möhring, W. (2023). Zwischen Vertrauen und Wissen. Eine experimentelle Studie zur Wirkung unterschiedlicher visueller Darstellung von informierten Einwilligungen. Vortrag auf der Jahrestagung der Fachgruppe Methoden der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der DGPuK, Potsdam, 28.09.2023. Die Vortragsfolien können hier heruntergeladen werden.

Zudem haben wir den Einfluss ethischen Verhaltens auf das Vertrauen in Wissenschaftler*innen, moderiert durch wissenschaftsbezogene populistische Überzeugungen, untersucht. Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass ethisches Fehlverhalten negativ mit dem Vertrauen in Wissenschaftler*innen verbunden ist. Darüber hinaus wurde der Zusammenhang zwischen ethischem Fehlverhalten und Vertrauen in Wissenschaftler*innen sowohl durch wissenschaftsbezogene populistische Überzeugungen als auch durch wissenschaftliche Kompetenz beeinflusst. Obwohl Personen mit hohen wissenschaftsbezogenen populistischen Überzeugungen im Allgemeinen weniger Vertrauen in Wissenschaftler*innen haben, war der negative Effekt bei Personen mit niedrigen wissenschaftsbezogenen populistischen Überzeugungen noch stärker ausgeprägt. Unsere Ergebnisse zeigen außerdem, dass ethisches Fehlverhalten das Vertrauen in die Wissenschaft sowohl bei Menschen mit geringer als auch mit hoher wissenschaftlicher Bildung verringert. Dies zeigt, wie wichtig es ist, dass Forschende ethisches Verhalten transparent diskutieren und reflektieren, um das Vertrauen in Wissenschaftler*innen zu fördern.

Quelle: Zillich, A. F., Schlütz, D., Roehse, E.-M., Möhring, W., & Link, E. (under review). Populism, research integrity, and trust. How science-related populist beliefs shape the relationship between ethical conduct and trust in scientists. International Journal of Public Opinion Research.